Martina Schoder
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20.05.2019

01.10.2001

Der Körperraum mit Lehm-Stroh-Bauten, der Augenraum mit Objekten und der Projektion Feria Sevilla.

Presse

HA - Kunst im Herrnhof - 4.10.2001 HA - Kunst im Herrnhof - 4.10.2001 (208.97 KB)

Eröffnungstext

In diesem Sommer habe ich die ehemaligen Räume der Freiwilligen Feuerwehr entdeckt. Ich bin zwar Alt-Kilianstädterin und lebe jetzt in Niederdorfelden, aber ich kannte den Ort trotzdem noch nicht. Besonders interessiert hat mich die Tatsache, dass die Räume ein Vorleben haben und als Domizil der Freiwilligen Feuerwehr dienten. Im direkten Bezug zur Feuerwehr ist auch der Titel der Ausstellung entstanden.

Der Titel "Lebensretter" bezieht sich vielfach auf den Ort und die Arbeiten. Er ist lange vor den tragischen Terroranschlägen in den USA entstanden, bei denen die Mannschaften der Lebensretter eine besonders wichtige Rolle spielten und noch spielen. Ein unvorhersehbarer Zusammenhang ist somit zu aktuellen Ereignissen entstanden, der besonders deutlich zeigt wie wichtig jede Form von lebensrettenden Maßnahmen für uns werden kann. Lebensretter sind die Männer der Freiwilligen Feuerwehr allemal. Deshalb fällt es mir auch nicht schwer, sie durch den Titel meiner Inszenierung in ihren ehemaligen Räumen zu würdigen. Der Ort soll renoviert werden, also in dieser Form verschwinden. Deshalb bin ich besonders froh, ihm noch einmal künstlerisches Leben verleihen zu können. Ein weitere, wenn auch nur kurze lebensrettende Maßnahme.

Der Einzug meiner Lehm-Stroh Bauten in das Feuerwehrhaus ist ebenfalls eine Form der Rettung. Ihre Geschichte begann 1995, als sie im Rahmen der Ausstellung Spielraum in Wiesbaden vor Ort gebaut wurden. Anschließend zog das Ensemble aus 10 Skulpturen zur Lagerung in den Kuhstall des nachbarlichen Bauern in Niederdorfelden, wo sie im Dunkel ruhten und auf eine passende Gelegenheit warteten, um das Licht der Welt wieder zu sehen. Die Lehm-Stroh Formen, die in der hessischen Bauweise gebaut sind und ähnlich wie Fachwerkhäuser mit der Zeit verwittern, wurden hierher transportiert und restauriert. Frisch "verputzt" erstrahlen sie nun im Licht der Ausstellung, und auch wenn es nur ein kurzes Wiederbeleben der Skulpturen und der Räume der Freiwilligen Feuerwehr darstellt, so ist diese Ausstellung doch eine prima Gelegenheit um ein Lebenszeichen zu setzen in meiner alten Heimat.

Die Formen der Lehm-Stroh Bauten und der Wandobjekte haben nur im übertragenen Sinn eine lebensrettende Funktion. Zwar finden sich unter den Wandobjekten solche, die Rettungsringen ähneln, aber aus gebranntem Ton und perforiert wären sie nie See – tauglich. Sehen können Sie jedoch - so scheint es zumindest. In dem Raum der Dia-Projektion blicken einem die Wandobjekte regelrecht entgegen. Auch sie scheinen die bewegten Bilder zu beobachten. Dieser Raum ist also der Raum des Blickes und der Augen. Aus den Bildern blicken uns Menschen entgegen, und innerhalb der Projektion hängt ein Objektpaar, das wie Augen wirkt, die im Himmel und zwischen den Körpern hängen wie Sonne und Mond. Tatsächlich werden Sonne und Mond auch als die Augen des Himmels bezeichnet.

Der Raum, in dem wir uns jetzt befinden, ist dem Körper selbst gewidmet. Hier kann der Betrachter sich zwischen den Formen bewegen und dabei Material und Maßstab erkunden.

Die Formen der Lehm-Stroh-Bauten beziehen sich auf Arten der Lebenserhaltung. Darunter finden sich Trog und Trommel, die als archaische Bilder für Nahrung und Verständigung stehen. Ebenso treffen wir Stab, Krone und Thron (oder vielmehr Hocker) an, die Variationen zu Herrschaftsinsignien darstellen, aber praktisch nicht funktionieren da die Krone zu groß, der Stab zu schwer und der Thron ohne Sitzfläche ist. Sie stehen alle für die Notwendigkeit von Ritualen im menschlichen Leben und Zusammenleben, Rituale die den Alltag des Menschen betreffen, ebenso wie das Leben in der Gemeinschaft mit einem König, Häuptling, Oberhaupt. Nahrung, Kommunikation und Spielregeln sind lebensnotwendig und dienen der Lebenserhaltung des Menschen und sind somit auch oft lebensrettend.
Noch einmal zurück zu dem abgedunkelten Raum mit der Dia-Projektion. Hier wurde ein Teil der Außenwelt in den Innenraum geholt. Der Betrachter wird in den fiktiven Raum von Landschaft gezogen und befindet sich unversehens inmitten einer Feria, ein traditionelles spanisches Volksfest mit Reitern und Flamencotrachten. Feste werden gefeiert, um die Not und das Leid im Leben der Menschen vergessen zu lassen. So sind auch diese Bilder aus Andalusien lebensbejahend, bunt und leuchtend, sonnig und voll üppiger Formen.

Auch mit diesen Dias verbindet sich eine besondere Geschichte. Im letzten Winter hatte ich eine Kiste mit Dias im Sperrmüll entdeckt- ein echter Überraschungsfund. Denn es handelte sich um Spanien-Bilder, Andalusien, Sevilla - just die Orte, die ich selbst besucht hatte bei meiner letzten Spanienreise. Aber ich hatte kaum fotografiert und bedauerte das vielfach. Das Schicksal (der Sperrmüll) spielte mir dann jene Bilder zu, die ich gesehen, aber nicht konserviert hatte. Gesichtet habe ich das Material erst jetzt, kurz vor der Ausstellung, ohne zu ahnen, wie gut die Motive mir dienen konnten, um mein Projekt der zwei Räume im Feuerwehrhaus zu bespielen.

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LEBENSRETTER

Altes Feuerwehrhaus, Herrnhof Kilianstädten

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