Martina Schoder
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22.10.2017

21.08.1999

Während der Kulturwoche in und um das Schloß Langenselbold wird die im Schloß untergebrachte Stadtbücherei in einen Aktionsraum verwandelt. Unter dem Titel WORTSCHATZ hat die Künstlerin Martina Schoder ein Konzept entwickelt, das die Bücherei nicht nur intensiver als sonst, sondern auch ganz neu nutzen wird.

Die regelmäßigen Öffnungszeiten von nur 6 Stunden wöchentlich werden erweitert auf 5 Stunden täglich, um zwischen 15.00-20.00 Uhr Bucherlebnisse der besonderen Art zu ermöglichen. Wo sonst Bücher entliehen werden und Besucher nur kurz verweilen, lädt das WORTSCHATZ Programm zur aktiven Teilnahme an einem Sprachprojekt vor Ort ein. An 6 Tagen werden Aktionen unter folgenden Arbeitstiteln angeboten:

1. Tag: MEIN LIEBLINGSWORT - suchen
2. Tag: LAUT und LEISE - vorlesen
3. Tag: ZITATE - schreiben
4. Tag: BUCHÜBERFLUSS - aus alt mach neu
5. Tag: TEXTVERWANDLUNG - Collagen
6. Tag: DOKUMENTATION - Ergebnisse

Das Sprachprojekt findet direkt in der Stadtbücherei im Schloß statt, wo 6000 Buchbände auf Schatzsucher warten. Jeder der sehen, hören, lesen und/oder schreiben kann ist willkommen, am Programm während der Kulturwoche teilzunehmen und seiner Liebe zur Sprache einmal anders zu frönen.

Das Programm - die Arbeitstitel

Jeder Teilnehmer darf und soll seine eigenen Sprach- und Buchvorlieben ausleben. Alle Themen werden im WORTSCHATZ Programm mit der gleichen Neugierde betrachtet und belauscht, je nachdem was die Besucher in der Stadtbücherei entdecken. Jedes ausgewählte Buch kann lebendig werden, indem es in einen oder mehrere der folgenden Arbeitstitel eingebracht wird.

Samstag, 21. August
MEIN LIEBLINGSWORT - Archive durchsuchen.
Buchtitel und Texte sichten und nach einem bestimmten Begriff suchen, sich von dem vorhandenen Buchmaterial inspirieren lassen.

Sonntag, 22. August
LAUT : LEISE - vorlesen und zuhören.
Jeder Teilnehmer wählt ein Buch, aus dem er vorlesen will. Wer seinen bevorzugten Titel nicht in der Bücherei findet, kann ein Buch von Zuhause mitbringen. Danach bittet jeder Leser einen anderen Teilnehmer aus seinem Buch vorzulesen.

Montag, 23. August
ZITATE- Texte abschreiben und damit zu persönlichen Originalen machen.
Eine besonders intensive Form einen Text zu erleben. Dabei können auch Worte/ Sätze/ Textpassagen aus verschiedenen Quellen zusammengefügt werden.

Dienstag 24. August
Heute kein WORTSCHATZ Programm.
Statt dessen findet die reguläre Buchausleihe von 17.00-19.00 Uhr, und um 20.00 Uhr die Aufführung einer Literaturrevue mit Liedern und Gedichten von Erich Kästner statt.

Mittwoch, 25. August
BUCHÜBERFLUSS - alte Bücher dienen als Rohmaterial für neue Buchseiten.
Es entstehen Collagen aus Textfragmenten, Worten oder Wortgruppen, die Sprache als Material, Sprache als Musik, Sprache als System, Sprache als Bild etc. abbilden.

Donnerstag, 26. August
TEXTVERWANDLUNG
Ausgewählte Texte werden verändert durch den Austausch/ das Entfernen bestimmter Worte/ Buchstaben. Es entstehen Nonsens Texte, lustige Texte mit Lücken, mit Fehlern, mit Wiederholungen usw.

Freitag, 27. August
DOKUMENTATION
Die vorliegenden Ergebnisse aller Arbeitstitel werden gesichtet, diskutiert, und ergänzt. An allen Tagen sind verschiedene Listen entstanden, um die Zusammenarbeit vor Ort zu dokumentieren:
1. ein Sechs-Tage-Lexikon aller auffälligen, interessanten, schwer verständlichen, umstrittenen usw. Begriffe
2. eine Bibliografie des WORTSCHATZ Programms mit allen während des Sprachprojektes verwendeten Buchtiteln
3. eine Liste der Mitwirkenden in die alle Teilnehmer sich namentlich eintragen.

Das Konzept

Die Kulturwoche Langenselbold wurde zum Anlaß genommen, die Stadtbibliothek in den Räumen des alten Schlosses einer Intensivnutzung und Umnutzung zu unterziehen. Anstatt der sonst üblichen Ausleihe wurden im Sprachprojekt WORTSCHATZ die Bücher vor Ort erkundet, besprochen, vorgelesen und verwandelt. Wo sonst Stille herrscht, wurde durch verschiedene Aktionen ein Austausch zwischen den Besuchern angeregt. Die Bücherei wurde also Zweck entfremdet, nutzte aber das Potential der vorhandenen 6000 Buchbände um so intensiver.

Aus dem Individualvergnügen des Buchlesens wurde so ein Kommunikationsfeld. Leser tauschten sich aus über ihre Texterfahrungen, experimentierten mit den Worten und erlebten geschriebene Sprache auf äußerst lebendige Weise. Aus dem abgeschlossenen, intimen Prozeß des Lesens wurde ein offener Dialog. Das persönliche Erlebnis des Textes erhielt dabei ein besonderes Gewicht, da man versuchte die eigene Erfahrung Anderen mitzuteilen. Darauf war das WORTSCHATZ Programm angelegt, die Gewohnheiten, Vorlieben und Sichtweisen, aber auch die Wissenslücken, Fragen und Ablehnung von Lesern gegenüber Texten aufzuzeigen. Um dies zu fördern, wurde ein freizügiger Umgang mit dem Buch angeregt. Auch der respektlose oder zerstörerische Umgang mit Lesestoff kann zu Erkenntnissen führen, die dem Text inne wohnen. Diese erweiterte Form des Umgangs mit Worten und Sprache erzeugt gleichzeitig eine Erweiterung des Verständnisses und des Selbstverständnisses gegenüber Geschriebenem und Gedrucktem.

Der bewußte Umgang mit Worten war das Ziel dieser Aktion mit den Bürgern von Langenselbold in ihrer Stadtbücherei. Was dabei entstand hing ganz davon ab, wie weit die Besucher sich einlassen konnten auf das andere Hören und Sehen des vertrauten und ganz alltäglichen Materials Sprache.

Das besondere an der interaktiven Kunst ist, das sie den Besucher in einen Prozeß einbindet. Beteiligung fordert dazu auf, sich Zeit zu nehmen und inne zuhalten und führt in ein unmittelbares, oft auch nachhaltig wirkendes Geschehen hinein.

Die Form eines interaktiven Kunstprojektes mit "Publikumsbeteiligung" ist heute ein fester Bestandteil der zeitgenössischen Kunst. Die Thematik von Kunst und Alltag, Kunst auf der Straße und in der Öffentlichkeit, Kunst als Ereignis, als zeitlich begrenztes Geschehen, Kunst als Austausch mit Jedermann, Kunst als Experiment etc. ist einem breiten Kunstpublikum vertraut. Für die NutzerInnen der Stadtbücherei war es jedoch ganz und gar neu, Kunst in dieser Art zu erleben. Spannend und zugleich motivierend war es für beide Seiten, für die  Initiatorin ebenso wie für die Mitwirkenden, die ihre schöpferische Energie eingebracht haben.

Eine Dokumentation der Arbeitsergebnisse liegt vor.

 

 

 

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WORTSCHATZ

Ein interaktives Sprachprojekt in der Stadtbücherei Langenselbold

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