Martina Schoder
Home Contact
11.12.2017

01.08.1993

Jeder Eingriff des Menschen in die Landschaft hinterlässt Spuren. Meine Grabung in den Lahnauen war eine Spurlegung der sanften Art: es wurde kein Material entfernt oder hinzu gefügt. Die Form entstand aus gestampfter Erde und der gegrabenen Negativform.

Randzonen im urbanen Umfeld sind oft Brachland, Unorte, die wiederum von Randgruppen der Gesellschaft als Freiräume genutzt werden. So auch die Lahnauen in Gießen zwischen Flußlauf und Umgehungsstraße direkt hinter dem Parkhaus am Hauptbahnhof. Ich hatte bewußt einen Unort für meine Grabung gewählt, da eine gepflegte Parklandschaft die Kräfte der Natur zu weit einschränkt.

Die 10 x 20 m große Grabung in den Lahnauen ist ein Kunstwerk, das nicht von sonntäglichen Spaziergängern besucht wird, sondern im Alltag den Hundehaltern genauso dient wie den türkischen Kickern, die den Bolzplatz nutzen. Hier gibt es keine kultivierte Natur mit Sitzbank und Mülleimer, sondern alte, wildwüchsige Bäume und im Sommer mannshohe Brennesseln, da kein Mensch mäht. Wenn im Herbst die Lahn über ihre Ufer tritt, flutet sie häufig die gesamte Auenfläche. Dann steht auch meine Grabung unter Wasser, um im Frühjahr wieder aus den Fluten aufzutauchen.

Hier herrschen noch Naturkräfte, die Elemente formen das Land. Mein Eingriff soll gerade diese sonst kaum spürbaren Kräfte verdeutlichen. Im Laufe der Jahre wird die begehbare Skulptur aus gestampfter Erde weicher, der Pflanzen nehmen die nackte Erde wieder ein. Besucher kennen die Vertiefungen und die erhöhte Mitte auch noch im Sommer, trotz Grünpflanzen, das beweisen die Trampelpfade um die Skulptur entlang der Ränder bis zum Zentrum.

Der Pflanzenwuchs wird noch nach Jahren die Kontur der Grabung zeigen, denn im einmal gelockerten Erdreich entwickelt sich eine andere Vegetation als im Rest der festen Schwemmwiese. Nach 10 Jahren habe ich das Gelände im Winter besucht, selbst der Schneebelag zeigte die Grabung, die inzwischen eingeebnet wurde. Auf der lockeren Zone lag der Schnee dichter, die Kontur der vier Topfenformen lag weiss im grauen Feld.

Der Grundgedanke der Grabung in den Lahnauen liegt darin, eine sonst nicht sichtbare Zeitdimension aufzuzeigen. Die natürliche Entstehung von Landschaften, von Bergen und Flussläufen ist für den Menschen nicht erfahrbar. Die Grabung zeigt die Entwicklung einer Landschaft im Zeitraffer. In wenigen Jahren vollziehen sich Veränderungen durch Erosion und Pflanzenbewuchs, und selbst nach ihrem Verschwinden behält einmal bewegtes Erdreich seine veränderte Bodenstruktur und entwickelt ein völlig anderes Bewuchsbild, ein Phänomen, das bekannt ist in der Nutzung der Luftbild-Archäologie.

« back





Ortsbestimmungen-Kunst im StadtRaum-Giessen, Lahnaue: begehbare Grabung

© 2010 martina schoder :: tel +49 (0) 6 10 13 44 54 :: contact [at] martinaschoder [dot] de :: impressum