Martina Schoder
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22.10.2017

10.03.2012

Artist's Statement:
Schon seit langem haben mich die ersten Schriftdokumente der Menschheit fasziniert - Keilschrift in Tontäfelchen, entstanden 2000 Jahre v. Chr., gefunden in Mesopotamien.
Heute sind die original Funde überall auf der Welt in Museumssammlungen zu sehen, zusammen mit den ebenso beeindruckenden, winzigen Rollsiegeln mit Bilderschriften, die in Ton abgedruckt wurden. Ich freue mich heute das neuzeitliche Wunder der Blindenschrift in dem frühesten aller Kommunikationsmedien zu verwirklichen, gemeinsam mit meiner blinden Partnerin im Kunstprojekt vomunsichtbaren.

Der Film auf YouTube:
http://youtu.be/E2nZ3FMAuKE

M= Martina Schoder, B=Brigitte Buchsein

M: Brigitte ist bei mir im Atelier und sie erklärt mir jetzt, dass sie Brailleschrift mit der Hand auch spiegelverkehrt schreiben muss. Und sie erklärt auch warum.

B: Traditionell schreibt man Blindenschrift spiegelverkehrt, weil man die Punkte ja durchdrücken muss, also praktisch von hinten in das Blatt hinein stanzt. Damit die Buchstaben und Wörter in der richtigen Reihenfolge von links nach rechts fühlbar werden, muss man sie von von rechts nach links schreiben und jeden Buchstaben auch spiegelverkehrt drucken.
Das heißt, wenn ich jetzt eine Vorlage erstelle um davon später ein Abbild zu machen, ist es genau dasselbe wie man früher Blindenschrift wirklich geschrieben hat. Das passt also ganz gut zusammen.

M: Ich werde eine Tonplatte vorbereiten und Brigitte wird es praktizieren.

B: Ein Blindenschriftbuchstabe basiert immer auf einem Zeichen, das der Sechs beim Würfel entspricht. Aus diesem Raster setzen sich die Buchstaben zusammen, je nachdem welche Punkte erhaben sind, weiß ich welcher Buchstabe es ist. Also jede Kombination von Punkten ergibt einen speziellen Buchstaben. D. h., diese Buchstaben haben ja gar nichts mit den normalen Buchstaben zu tun. Sie haben eine andere Form, bestehen nur aus Punkten.
Wichtig war Braille, der vor knapp 200 Jahren die Blindenschrift entwickelt hat, etwas zu kreieren, was blinde Menschen gut erfassen können. Wo sie jeden Buchstaben exakt deuten können, mit der Fingerkuppe erkennen können. Er hat sich also völlig losgelöst von der normalen Schrift, weil er sagte: es ist nicht wichtig, dass sie an die normale Schrift erinnert, wichtig ist, dass blinde Menschen die Schrift lesen und schreiben können. Da hat er eben diese Punktkombination entwickelt, die bis heute genutzt wird.

M: Diese will Brigitte auch nutzen für eine Kachel, um mit Hilfe von Punkten Texte auf die Kachel zu bringen. Und danach wäre das sogar etwas, was man wieder abformen kann um eine Negativform zu erzeugen.

M: die ersten Ergebnisse zeigen den Text
UNSICHTBAR
SICHTBAR
ODER WAS?
Eine Kachel in großem Punktmaß und eine zweite in kleinem Punktmaß sind entstanden. Brigitte hat also doch etwas in Ton gemacht, ganz überraschend. Wir sind sehr zufrieden damit.

B: Was schwierig ist beim Schreiben, ist die fehlende Struktur. Wenn man sonst schreibt auf Papier hat man pro Buchstabe ein Rasterfeld für die 6 Punkte. Man kann die Punkte nur dort herunter drücken, wo sie hin gehören, und das ist ganz ohne Raster deutlich schwieriger.

M: Es ist sehr gut gelungen und wir werden das Ganze auch abformen, der cremefarbige Ton wird gebrannt und mit rotem Ton abgeformt, so ähnlich wie bei einem Stempel, dann ist letztendlich diese Übersetzung etwas, was in der blinden Handschrift manifest ist.


Schlusswort:

Die gebrannten Tontafeln lassen sich weniger gut abformen als gehofft. Deshalb entstehen Frottagen (Abriebe) auf Papier. Die kann dann leider das blinde Publikum nicht lesen, aber im Film wird ja alles gesprochen, und die spiegelverkehrten Tontafeln sind zum Anfassen.

Tontafel 3 trägt als Inhalt unsere Sinneswahrnehmungen jenseits des Visuellen: Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken.
Der oft unterschätzte Gleichgewichstssinn war dann noch unser Gesprächsthema. Wir stellten fest, wie lebenswichtig die oben-unten Orientierung ist, auch und gerade für Blinde. Wir sprachen von Unterwasser Erfahrungen, Brigitte erzählte vom Skilanglauf.

Tontafel 4 trägt schließlich unsere Namen, zusammen mit dem Begriff Gleichgewicht.
BRIGITTE BUCHSEIN
MARTINA SCHODER
GLEICHGEWICHT

 

Martina Schoder, 5. Mai 2012

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Atelierbesuch von Brigitte Buchsein bei Martina Schoder in Hanau im Projekt vom unsichtbaren

"Brailleschrift in Ton", Dokumentation, Transkription des Filmtextes

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